Partnachklamm Zeitkapsel Reproduktion
recom art care

Zeitkapsel Partnachklamm: Faksimile eines Kulturguts

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Was es braucht, um ein beschädigtes Kulturgut originalgetreu zu reproduzieren

Wenn ein Museum oder eine Institution ein historisches Dokument aus der Hand gibt, ist das ein Vertrauensvorschuss. Das gilt umso mehr, wenn das Dokument beschädigt, fragil und unwiederbringlich ist. Der Fall der Zeitkapsel in der Partnachklamm bei Garmisch-Partenkirchen zeigt, was in einem solchen Moment auf dem Spiel steht – und was eine präzise Faksimile-Reproduktion leisten kann.

Ausgangslage: ein Denkmal, ein Fund, ein Wasserschaden

Die Madonna in der Partnachklamm ist als Einzeldenkmal eingestuft. Vieles über ihre Herkunft lag im Dunkeln – Indizien deuten darauf hin, dass sie bereits vor der Klammerschließung (1910–1912) bestand. Als die Figur Ende 2023 zur Restaurierung gegeben wurde, kam in ihrem Sockel eine historische Zeitkapsel zum Vorschein. Die Zeitkapsel enthielt 14 Münzen aus den Jahren 1866 und 1899 sowie ein handgeschriebenes Büchlein in einer Messingschatulle.

Die Münzen hatten die Zeit gut überstanden, zum Teil sogar prägefrisch. Die Schatulle mit dem Buch dagegen war über Jahrzehnte nicht mehr wasserdicht. Feuchtigkeit hatte die Tusche auf den meisten Seiten unwiederbringlich verschmiert.

Der Grenzfall: Wenn Restaurierung nicht mehr ausreicht

Die Bayerische Staatsbibliothek übernahm über ihr Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung die fachliche Aufarbeitung des Fundes, unter Leitung von Dr. Irmhild Ceynowa. Ziel war zunächst, verlorene Textelemente wiederherzustellen, um mehr über die Geschichte der Madonna zu erfahren. Das gelang nur teilweise: „Der Text dort, wo kaum noch Tusche vorhanden ist, wird wohl für immer unbekannt bleiben“, so Ceynowa in ihrem Bericht.

Für Museen, Archive und Sammlungen ist das ein vertrauter Punkt: Es gibt Schäden, die Restaurierung nicht rückgängig machen kann. Was dann bleibt, ist die Frage nach dem Umgang mit dem Original – und danach, wie sich sein aktueller Zustand dokumentieren und für die Zukunft sichern lässt.

Die Entscheidung für ein Faksimile

In enger Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Bayerischen Staatsbibliothek wurde entschieden, die Originalfunde nicht wieder der Feuchtigkeit im Sockel auszusetzen. Stattdessen kehren originalgetreue Duplikate in die Zeitkapsel zurück, während die historischen Stücke professionell verpackt im Tresor der Gemeinde verbleiben.

Diese Entscheidung folgt einer Logik, die auch für Museen und Archive im Umgang mit fragilen Beständen gilt. Das Original wird geschützt und unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrt. Und ein Faksimile – eine originalgetreue Reproduktion, die optisch nicht vom Original zu unterscheiden ist – übernimmt seine Funktion im öffentlichen oder rituellen Kontext.

Die Münzen reproduzierte die Fachfirma Haber und Brandner in Regensburg. Die Kopie des Pergamentbuches – inklusive der verschwommenen Tusche, der Wasserflecken, der Kalkablagerungen und des grünlich verfärbten Pergaments – entstand bei recom art care in Berlin.

Was eine Faksimile-Reproduktion dieser Präzision verlangt

Ein Faksimile ist mehr als ein Ausdruck. Es muss den Alterungszustand des Originals mit abbilden – nicht nur den ursprünglichen Zustand, sondern genau die Spuren, die Zeit und Beschädigung hinterlassen haben. Das setzt voraus:

  • Farbverbindliche, hochauflösende Erfassung des Originals, die auch feine Abstufungen wie Wasserränder, Verfärbungen und Kalkablagerungen exakt wiedergibt
  • Berührungsloser Umgang mit dem fragilen Original während der gesamten Erfassung
  • Archivfähige Materialwahl und Druckqualität, damit die Reproduktion selbst über lange Zeiträume stabil bleibt
  • Restauratorische Integrität: Die Kopie bildet den dokumentierten Ist-Zustand ab, nicht eine idealisierte oder rekonstruierte Version. Mehr zum Ist-Zustand und deren Erhalt lesen finden Sie im Artikel über den Referenzscan.

Rudi Achtner, der als Klammverantwortlicher die Restaurierung über Monate begleitet hat, beschreibt das Ergebnis so: „Du erkennst keine Unterschiede.“ Dieselbe Rückmeldung gab es zu den Münz-Nachbildungen aus Regensburg – Patina und leichte Verschmutzungen entsprechen dem Original.

Der Rahmen: eine neue Zeitkapsel für ein weiteres Jahrhundert

Die reproduzierten Objekte wurden nicht einfach zurückgelegt, sondern in einen neuen, technisch überarbeiteten Rahmen eingebettet. Ergänzt wurde die Sammlung um Berichte zur Restaurierung der Madonna und zur Geschichte der Zeitkapsel, aktuelle Informationen zum Markt Garmisch-Partenkirchen sowie einen vollständigen Euro-Münzsatz. Die neue Kapsel selbst ist eine sechseckige Box aus V4A-Edelstahl mit Spezialverschluss, gefertigt von der Firma Glasl in Mittenwald – ausgelegt darauf, jeden künftigen Nässeeinbruch zu verhindern.

Am 8. Mai 2026 wurde sie im Beisein von Bürgermeister Daniel Schimmer und zahlreichen Beteiligten wieder in den Sockel der Madonna eingebracht, musikalisch begleitet von Trompeter Alexander Kaufmann. Die Gesamtkosten für alle Duplikate beliefen sich auf 8.500 Euro – die Bayerische Staatsbibliothek war von der Qualität der Arbeit so überzeugt, dass sie auf eine Rechnung verzichtete.

Was der Fall für Museen und Archive zeigt

Der Umgang mit der Zeitkapsel der Partnachklamm ist ein kleines, aber anschauliches Beispiel für eine Frage, die viele Institutionen kennen: Wie bewahrt man ein Original, dessen Zustand sich nicht mehr umkehren lässt – und wie stellt man gleichzeitig sicher, dass es sichtbar, nutzbar oder im Fall der Zeitkapsel wieder an seinen historischen Ort zurückkehren kann, ohne weiteren Schaden zu riskieren?

Die Antwort war hier eine Kombination aus fachlich abgestimmter Entscheidung – Denkmalpflege, Staatsbibliothek, Gemeinde – und einer Reproduktion, die präzise genug ist, um diese Entscheidung zu tragen. Für Museen, Archive und Sammlungen mit vergleichbaren Beständen ist das ein Modell, das sich übertragen lässt: Originale schützen, wo Restaurierung an ihre Grenzen stößt, und Faksimiles dort einsetzen, wo ein Objekt weiterhin seine Funktion erfüllen soll.

Hier finden Sie einen Presseartikel des Merkur zur Zeitkapsel der Partnachklamm und das Video in der ARD-Mediathek, das auch hier unten eingebettet ist.

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